- Ausstellung: „Namibia – Deutschland. Aktuelle Aspekte einer besonderen Beziehung“
- Laufzeit: 9. September bis 16. Oktober 2026
- Ort: Foyer Sparkassenschiff, Lehrter Straße 15, 39418 Staßfurt
- Öffnungszeiten: montags 8:00 bis 16:00 Uhr, dienstags und donnerstags 8:00 bis 18:00 Uhr, mittwochs und freitags 8:00 bis 15:00 Uhr
- Eintritt frei
Bernburg/Staßfurt. Zwischen 1985 und 1990 lernten rund 400 namibische Kinder und Jugendliche an der „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt. Sie kamen während des Unabhängigkeitskampfes ihres Landes aus Flüchtlingslagern in die DDR, wuchsen dort auf und gingen in Löderburg und in Staßfurt zur Schule.
Viele der ehemaligen Schülerinnen und Schüler leben heute in der Region Ohangwena im Norden Namibias. Ihre Verbindung in die Region ist allerdings nie abgerissen. Darauf wollen der Salzlandkreis und die Region Ohangwena in Namibia gemeinsam aufbauen – mit einer Partnerschaft. Die Initiative dazu kam aus Namibia. Kadiva Hamutumwa, Gouverneurin der Region Ohangwena, wandte sich im Herbst 2025 an den Salzlandkreis.
Eine mögliche gemeinsame Zukunft vorbereiten wird eine Ausstellung, die vom 9. September bis zum 16. Oktober im Foyer des Sparkassenschiffs in Staßfurt zu sehen wird. Die Ausstellung trägt den Titel „Namibia – Deutschland. Aktuelle Aspekte einer besonderen Beziehung“. Sie wird von Landrat Markus Bauer gemeinsam mit einer Vertretung des namibischen Konsulats eröffnet. Unterstützt wird das Projekt von der Salzlandsparkasse, die dafür ihr Foyer in Staßfurt öffnet.
Landrat Markus Bauer sagt mit Blick auf die Zukunftsstrategie Salzlandkreis 2030. „Unser Kreis steht für Wirtschaft, Wohnen und Wissenschaft. In allen drei Feldern kann ein Austausch mit Namibia etwas bewegen.“ Er erläutert: „Unsere Betriebe suchen Fachkräfte, unsere Landwirtschaft hat Wissen, das anderswo gebraucht wird, und unsere Schulen und Vereine leben vom Kontakt über Grenzen hinweg.“
Denkbar ist eine Zusammenarbeit bei der Berufsausbildung und bei dualen Ausbildungswegen, in der Jugendsportentwicklung und in der Landwirtschaft. Der Salzlandkreis ist ein starker Agrarstandort, in Ohangwena geht es unter anderem um bessere Methoden für den Zugang zu Wasser.
Wie nah diese Vergangenheit noch ist, zeigt die Geschichte von Naita Hishoono. Sie kam am 18. Dezember 1979 als Dreijährige in die DDR, zuerst nach Bellin in Mecklenburg, später nach Staßfurt. Heute lebt sie wieder in Namibia und leitet dort das Namibia Institute for Democracy. Damals wurde die Gruppe im Internat zu ihrer neuen Familie. Verschiedene Bilder zeigen, dass Staßfurt für viele nicht nur eine Station war, sondern Heimat. Viele Menschen, die heute in Namibia leben und die es später auch nach Europa verschlagen hat, haben in Staßfurt gelernt und sind hier zur Schule gegangen.
Genau hier setzt der Salzlandkreis an. Aus dem Blick zurück soll ein Schritt nach vorn werden. „Wir haben in Staßfurt eine Vergangenheit, die uns lange geprägt hat. Diese Erinnerung ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können“, sagt Landrat Markus Bauer. „Wir wollen nicht nur an diese Zeit erinnern, sondern aus ihr etwas Lebendiges machen. Deshalb suchen wir das Gespräch mit den Menschen in Ohangwena. Wo Menschen einander kennen, entsteht Vertrauen. Und wo Vertrauen ist, profitieren am Ende beide Seiten.“
Die Ausstellung erzählt die Geschichte der namibischen Kinder in Staßfurt und die der deutsch-namibischen Beziehungen. Sie lädt die Salzländerinnen und Salzländer ein, diese Verbindung kennenzulernen und mitzutragen. Für Naita Hishoono ist die Rückkehr im September beides. Sie ist ein Blick zurück auf die eigene Kindheit und ein Zeichen dafür, dass diese Geschichte weitergeht. Jetzt ist sie mit ihrer Tochter nach Staßfurt zurückgekehrt. Vorab hat sie mit Tom Gräbe vom Salzlandkreis über ihre Kindheit gesprochen – über Schnee, den sie für Zucker hielt, über eine Eisdiele in Staßfurt, den Löderburger See und darüber, was die prägenden Jahre in Staßfurt mit ihr gemacht haben.
Frau Hishoono, Sie haben mehr als zehn Jahre in der DDR gelebt, den größten Teil davon in Staßfurt. Wenn Sie heute an diese Stadt denken – woran denken Sie zuerst?
An meine zweite Heimat. Als ich 1979 in die DDR kam, habe ich zuerst in Bellin gewohnt, einem Dorf in Mecklenburg. Aber Staßfurt, das ist für mich das Erwachsenwerden.

Sie waren gerade einmal drei Jahre alt, Sie in Deutschland angekommen sind. Wie kommt ein so kleines Kind aus Namibia überhaupt nach Staßfurt?
Wir waren in unseren Nachbarländern nicht mehr sicher. Ich kam am 18. Dezember 1979 in die DDR. Als das Heim in Bellin nicht mehr reichte, hat man einen neuen Ort gesucht und das Internat in Staßfurt gefunden. Dort hatten vorher junge Mosambikanerinnen und Mosambikaner gelebt und ihre Ausbildung gemacht. Als sie zurückgingen, wurde Platz frei für uns. So kam ich 1986/87 nach Staßfurt.
Sie kamen mitten im Winter an – woran erinnern Sie sich, wenn Sie an diese ersten Wochen denken?
Es war kurz vor Weihnachten. Die ersten Eindrücke, an die ich mich erinnere, waren diese weihnachtlichen Gerüche: wenn man Plätzchen backt. Auch der Schnee war ein völlig neues Erlebnis. Wir dachten, Schnee sei Zucker.
Wir haben schnell Deutsch gelernt. Wir waren erst elf oder zwölf Kinder in einer Gruppe. Diese Gruppe war so etwas wie deine Familie. Wir hatten drei deutsche Erzieherinnen und Erzieher, die in Schichten mit uns gearbeitet haben, und eine namibische Erzieherin, damit wir unsere Sprache nicht verlernten.
Sie lebten im Internat und gingen im Nachbarort Löderburg zur Schule. Wie muss man sich einen ganz normalen Tag in dieser Zeit vorstellen?
In der Schulzeit sind wir nach Löderburg zur Schule gelaufen, mit dem Bus oder mit dem Fahrrad gefahren. Wir haben viel Sport getrieben und musiziert. Der Tag war sehr durchorganisiert. In den Ferien sind wir ins Ferienlager gefahren. Wir sind überall in die DDR gereist und haben Museen angesehen. Aber immer als Gruppe. Das Schöne war, dass man in den Ferien andere Kinder kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen hat. Das war eine Abwechslung.
Bei aller Organisation – es gab offenbar auch kleine Freiräume. Sie haben einmal von einem Spätverkauf erzählt, den es damals in der Nähe des Internats gab.
Wenn man älter wird, bekommt man ein bisschen mehr Taschengeld. Wir wollten nicht immer das Essen aus dem Speisesaal, sondern uns auch mal selbst etwas kaufen. Und weil wir es nicht immer pünktlich zum Konsum geschafft haben, gab es den Spezi, einen Laden, in dem man spät einkaufen konnte. Der war in der Nähe vom Internat. Dorthin sind wir gerne gegangen, weil das ein bisschen Freiheit war: allein rausgehen, sich etwas kaufen. Aus dem Heim rauskommen, mit einer Freundin oder einem Freund – das war etwas Besonderes.
Und es hab auch eine Eisdiele. Die scheint Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben zu sein.
Die Eisverkäufer waren immer sehr freundlich. Es gab in der Eisdiele drei Sorten: Vanille, Schoko und Frucht. Ich habe meistens Vanille genommen. Das war schön, weil es ein bisschen Freiheit war: Man konnte selbst raus und Eis essen.
In der DDR gehörte die Arbeit im Betrieb früh zum Schulalltag – praktische Arbeit und technisches Zeichnen standen auf dem Stundenplan. Wie haben Sie das erlebt?
Technisches Zeichnen hat mir sehr gut gefallen, aber die praktische Arbeit überhaupt nicht. Wir mussten in der Kälte mit diesen gelben Bussen in den Betrieb fahren. Dann musstest du diese blauen Overalls anziehen und Muttern und Sachen feilen. Das fand ich schrecklich.
Bei Ihrem Besuch wollen Sie auch an den Löderburger See fahren, nur wenige Kilometer von Staßfurt entfernt. Für Sie war er offenbar ein besonderer Ort.
Der Löderburger See war nicht weit weg, ich glaube nur etwa vier Kilometer von Staßfurt. Man konnte in einer Stunde hinlaufen oder mit dem Fahrrad hinfahren. Es war einfach wunderschön, dort zu liegen, in den See zu gehen. Es gab einen Spielplatz und einen Konsum, man konnte sich eine Wurst kaufen. Man musste nicht mit der Gruppe hin, man konnte auch mit Freunden hinfahren. Es war ein Stück Freiheit.
In Namibia scheint fast das ganze Jahr die Sonne. Am Löderburger See war der Himmel dagegen oft bewölkt – eine Erinnerung, die Sie bis heute nicht loslässt.
In Namibia haben wir über 300 Sonnentage. Als Kind habe ich immer gedacht: Ich möchte irgendwann irgendwo baden gehen, wo keine Wolke über mir schwebt, wenn ich aus dem See komme. Und ich habe mir gesagt: Wenn ich erwachsen bin, suche ich mir das Leben so aus, dass mich keine Wolke mehr daran hindert, trocken zu werden.
1989 und 1990 wurde die DDR abgewickelt. Kurz darauf wurde Namibia unabhängig. Sie haben diese Umbruchzeit als junge Frau in Staßfurt erlebt. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ich habe alles in Staßfurt mitbekommen: wie die ersten DDR-Bürger im Sommer über Ungarn und Österreich geflohen sind, unser letztes Ferienlager, wie sich die DDR vor unseren Augen veränderte, wie Erzieherinnen und Erzieher wechselten und die Vorbereitung auf unsere Rückkehr nach Namibia. Es hat mir die Augen dafür geöffnet, wie Menschen Systeme beeinflussen, dass Systeme von Menschen gemacht werden und dass auch Erwachsene lügen können. Als Kind war es sehr eigenartig, dass das System, in dem ich aufgewachsen bin, plötzlich als das falsche galt.
Vor allem habe ich aber gelernt: Nicht alles, was man liest und hört, ist die Wahrheit. Man muss seine eigene Wahrheit suchen, man muss verschiedene Quellen haben. Wenn man nur einer Quelle traut, ist das nur ein Teil der Wahrheit. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen auf die Dinge. Das habe ich schon sehr früh gelernt.
Nun kehren Sie mit Ihrer Tochter für einen Besuch in Staßfurt zurück, die Deutschland bislang nur als Baby erlebt hat. Was möchten Sie ihr dort zeigen?
Sie war nur als Baby in Deutschland, sie kennt das Land daher nicht. Sie hat immer von meiner Geschichte gehört, und jetzt sieht sie endlich einen kleinen Teil davon. Sie sieht: Da ist die Mama aufgewachsen, dort ging sie zur Schule, so sah der Ort aus. Das ist wichtig für sie, um zu verstehen, warum ich davon erzählt habe, warum wir Deutsch sprechen, warum mich diese Zeit so geprägt hat.
