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Der Landratssitz

Die Geschichte eines markanten Bernburger Gebäudes

Wochenmarkt, Antikmarkt, Ferienaktionen, Volksfeste, eine Weltzeit- und eine Sonnenuhr als Treffpunkte, dazu eine Tiefgarage, Cafés und Restaurants, Grünanlagen, Parkbänke und unablässig Fußgänger, Radfahrer, ab und an der Citybus  und an der Ostflanke ein imposantes Verwaltungsgebäude– der Karlsplatz ist zweifellos das Zentrum der Kreisstadt Bernburg an der Saale.
Das war nicht immer so. Bis vor ca. 100 Jahren konzentrierte sich das gesellschaftliche Leben wie üblich auf dem Markt auf der anderen, der linken Seite des Flusses, der die Stadt stets verband und zugleich trennte. Bernburg konnte sich – topografisch bedingt – jedoch nur auf der Bergstadtseite ausdehnen. Und das tat sie dann auch in erheblichem Maße ab 1882, als die Firma Solvay hier die Soda-Großproduktion aufnahm.
Aber der Reihe nach.

Bild des KontdetDas Ende des Herzogtums Anhalt-Bernburg (1603-1863) war durch die Kinderlosigkeit des Herzogs Alexander Karl bereits absehbar, als von 1858 bis 1860 am Stadtrand ein Exerzierplatz und eine Kaserne gebaut wurden. Der Staat errichtete für das II. Bataillon des Anhaltischen Infanterie-Regiments Nr. 93 ein auffallendes Gebäude im Englischen Burgenstil (Neo-Tudor) mit mehreren Türmen und Türmchen sowie einer Vielzahl an Rundbogenfenstern. Bis dahin hatten die Soldaten und Offiziere in Bürgerquartieren ihre Unterkunft.
Bald jedoch „wuchs“ die Stadt um die Kaserne „herum“ und die exerzierenden Soldaten störten wohl den Fußgängerstrom auf der neuen Lindenstraße. So bot die Stadt der Militärbehörde erfolgreich den Martinsplatz als Alternative an und konnte ab 1890 den Karlsplatz in seiner bis heute erlebbaren Weise gestalten.

 

Bild des MüllergebäudesWer ahnte wohl 1913, als der Militarismus im deutschen Kaiserreich in voller Blüte stand, dass sich fünf Jahre später die Kasernennutzung am Karlsplatz von selbst erledigen würde? Jedenfalls hatte die Stadt bereits 1913 ein Auge auf dieses Gebäude geworfen, denn es wurde dringend ein neues Rathaus für die expandierende Stadt benötigt. So beschloss der Stadtrat im Dezember 1920 den Umbau der Kaserne zum Rathaus.

Die Oberleitung dieses Unterfangens, das in der kurzen Zeit zwischen März und November 1921 abgewickelt wurde, hatte kein geringerer als der Bürgermeister höchstpersönlich: Friedrich Gothe (1872-1951) hatte als Architekt und Herzoglicher Bauinspektor u. a. das Bernburger Friederiken-Lyzeum und die Köthener Martinskirche entworfen.

(Außer Gothe war Stadtbaumeister Ernst Alsleben maßgeblich am Umbau beteiligt.)

 

Es waren erhebliche Baumaßnahmen nötig: Die vielen kleinen Rundbogenfenster im Mittelrisalit und im Erdgeschoss wurden durch Korbbogenfenster ersetzt, ein Sitzungssaal für den Stadtrat über zwei Etagen wurde gebaut, die horizontale Gliederung der Fassade durch vertikale Pilaster ersetzt, das Eingangsportal erhielt einen Vorbau (mit Balkon) u. v. m. Vom alten Rathaus am Markt ließ Gothe ein technisches Kleinod in das neue Rathaus umsetzen: die geographisch-astronomische Kunstuhr des berühmten Uhrmachers Johann Ignaz Fuchs. Sie blieb hier bis nach der Wende, um heute – aufwändig restauriert – wieder im Rathaus den Besuchern die Ehrfurcht vor technischem Genie zu lehren.

 

Noch heute kann man in den Oberlichtern der Ausgänge, in den drei großen Bleiglasfenstern im Kreistagssaal und in einer steinernen Platte, die heute im Treppenaufgang zwischen Erdgeschoss und 1. Obergeschoss an den Umbau erinnert, die Vorliebe Gothes für Sinnsprüche entdecken - als Beispiel die Inschrift über dem Haupteingang: Klug gehst du hinauf – klüger kommst du herunter. (Man hofft, das gilt auch heute noch!) Gothe selbst überlies den repräsentativsten Raum des Gebäudes übrigens dem Standesamt.

Rathaus blieb das Gebäude bis 1959 – dann tauschten der Rat der Stadt und der Rat des Kreises die Verwaltungshäuser. Ein weiterer Umbau zwischen 1977 und 1979 veränderte das Bauwerk unsensibel: die Rundbogenfenster wurden komplett beseitigt und durch große rechteckige ersetzt, durch den Anbau von Büros auf der Rückseite verdunkelten sich die Flure, die Fassaden wurden von jeglichem Schmuck „befreit“ und als Krönung erhielt das Haus einen entsetzlichen Anstrich. Während der letzten großen Sanierung 1999 wurden die erheblichen Mängel der DDR-Zeit beseitigt, ein Fahrstuhl eingebaut und moderne Büros geschaffen.

Einzig die schwere hölzerne Eingangstür mit seinen Accessoires aus der wilhelminischen Militärwelt erinnert noch heute an die ursprüngliche Funktion des Bauwerkes als Kaserne. Was damals zur Niederhaltung der Demokratie errichtet wurde, dient heute der Demokratie.

 

Das Haus war Schauplatz vieler lokalhistorisch wichtiger Ereignisse. Erinnert sei nur an die großen sogenannten „Dialoge“ der lokalen Staats-(ohn)macht mit Tausenden Bürgern im November 1989 vor dem damaligen Rat des Kreises. Einige Monate später wurde als erster demokratisch gewählter Landrat nach 1932 Roland Halang (CDU) in sein Amt eingeführt. Sein Nachfolger Ulrich Gerstner (SPD) führte die Verwaltung des Landkreises Bernburg von 1994 bis 2007 und die des Salzlandkreises von 2007 bis 2014. Landrat seit Juli 2014 ist Markus Bauer (SPD).